Wir waren eine gute Erfindung

Wir waren eine gute Erfindung Joachim Schnerf

Wir waren eine gute Erfindung

 

Der erste Sederabend ohne seine geliebte, unlängst verstorbene Frau Sarah steht Salomon bevor. Schon beim Erwachen ist alles anders als die Jahre zuvor, ausgenommen die Albträume von Auschwitz, in das der kleine Salomon mit seiner Familie verschleppt wurde, die ihn in den Nächten heimsuchen. Seine Methode, mit den Schrecken dieser Zeit umzugehen, bestand schon immer darin, Holocaust- und KZ- Witze zu reissen…

Das fand die Verwandtschaft immer peinlich und unangenehm und trotzdem traute sich keiner etwas zu sagen. Schließlich war niemand sonst in der Familie den Nazis zum Opfer gefallen und somit stand es Salomon zu, damit umzugehen, wie er es wollte.

Nun sind die beiden Töchter erwachsen und wie Hund und Katz, der eine Schwiegersohn ein Konfliktvermeider, der andere ein charmanter Lügner, es gibt zwei Enkelkinder und Salomon weiss nicht, wie er diesen ersten Sederabend mit seinen zahlreichen jüdischen Ritualen ohne seine Frau über die Bühne bringen soll, wo es ihm selbst gesundheitlich auch nicht gerade prächtig geht.

Den ganzen Tag suchen ihn Erinnerungen an sein Leben heim, die Hochzeit mit seiner Frau, die Geburt der Kinder, seine Ängste und Versäumnisse…Und der Leser lernt so die alles andere als perfekte Familie kennen, über die noch immer der Schatten der NS- Zeit hängt. Mit beißendem Humor, Traurigkeit und Hoffnung erzählt der Autor seine Geschichte, die mir die Familienmitglieder nicht gerade sympathisch gemacht, mir aber einige interessante Einblicke in das jüdische Leben gegeben hat!

 

Über den Autor:

Joachim Schnerf wurde 1987 in Strasbourg geboren und ist Lektor für internationale Literatur in Paris. „Wir waren eine gute Erfindung“ ist sein zweiter Roman, der bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

 

Details zum Buch:

2019

Verlag Antje Kunstmann

ISBN 978-3-95614-315-1

 

Bettina Armandola

Machines like me

Machines like meIan McEwan

Machines like me

 

Von Zeit zu Zeit lese ich sehr gerne Romane in ihrem Original- Englisch. Gerade habe ich einen wirklich faszinierenden Roman von Ian McEwan gelesen, der kürzlich erschienen ist!

Das spannende Thema ist die künstliche Intelligenz, die ersten lebensechten Maschinenmenschen sind in den 1980ern in England auf den Markt gekommen, wo gerade der Falklandkrieg herrscht, der- anders als in der Realität- von der Thatcher-Regierung verloren wird. In dieser Parallelwelt erwirbt Charlie einen der männlichen Maschinenmenschprototypen, einen Adam. Er lädt seine Nachbarin und Freundin dazu ein, Adam zu modifizieren. Bei der ursprünglichen Feineinstellung sollen die neuen Besitzer eigene Vorlieben einfliessen lassen. So beteiligt er Miranda an der Programmierung, um sie ihm selbst näher zu bringen…

Adam erwacht also zum Leben und lernt selbständig aus dem Internet und dem Verhalten der Menschen, um sich weiterzuentwickeln. Dann verliebt er sich in Miranda und schläft sogar mit ihr, was Charlie gar nicht gefällt! Auch die schicksalhafte Begegnung mit einem kleinen vernachlässigten Jungen und die dunkle Vergangenheit Mirandas spielen bald eine große Rolle in der politisch sehr unruhigen Zeit in Großbritannien und vor allem im Leben des nicht übermäßig erfolgreichen Charlie.

Dieser Roman ist ein echter Lesegenuss, der soviel Stoff zum Nachdenken gibt, dass ich bis heute noch nicht damit fertig geworden bin. Es geht um Moral, Liebe, Verantwortung und die Frage, was den Menschen ausmacht! Egal ob im original Englisch oder auf Deutsch: dieses Buch ist für mich ein Highlight und ein Muss des Jahres 2019!

 

Über den Autor:

Ian McEwan hat bereits 17 Bücher veröffentlicht und zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, darunter den Somerset Maugham Award und den Booker Prize.

 

Details zum Buch:

2019

Jonathan Cape bei Penguin Random House

ISBN 9781787331679

 

Bettina Armandola

Tausendundeine Nacht Das glückliche Ende

Tausendundeine NachtAus dem Arabischen von Claudia Ott

Tausendundeine Nacht

Das glückliche Ende

 

Jeder kennt wohl die Geschichte von Tausendundeiner Nacht: Die kluge Schahrasad fesselt den grausamen König Schahriyar mit ihren nächtlichen Erzählungen so sehr, dass er ihren Tod immer weiter aufschiebt, so begierig ist er nach der Fortsetzung ihrer Geschichten…

Die letzten 125 Nächte, die in einem uralten Manuskript niedergeschrieben wurden und erst kürzlich in einer kleinen Bibliothek von Zentralanatolien aufgetaucht sind, hat Claudia Ott nun aus der ursprünglich arabischen Fassung übersetzt und auch den ausführlichen Schluss, „Das glückliche Ende“, den Lesern zugänglich gemacht.

Sie entführt uns in eine orientalische Welt der Basare und Wesire, der verschlagenen Händler und von Tieren und Menschen. Opulent und fesselnd sind diese Geschichten von Tausendundeiner Nacht, eine uralte Erzählkunst, die uns in lange zurückliegende Zeiten und ferne Länder begleitet…

Meisterhaft übersetzt von der Arabistin, Übersetzerin und Musikerin Claudia Ott, fesselt dieser Band seine Leser von der ersten bis zur letzten Erzählung (ganz so wie damals den König Schahriyar)!

 

Details zum Buch:

2018

dtv

ISBN 978-3-423-14649-4

 

Bettina Armandola

 

 

 

Der Spaziergänger von Aleppo

Der Spaziergänger von Aleppo.jpgNiroz Malek

Der Spaziergänger von Aleppo

 

Wenn Krieg zum Alltag wird: Niroz Malek lebt in Aleppo. Er berichtet von fallenden Bomben, Maschinengewehrsalven, Toten, Verschütteten, im Kampf Gefallenen. Aber er erzählt auch von Träumen, Literatur, Musik und Menschlichkeit.

In 57 Miniaturen setzt sich der Autor mit dem Leben in Syrien auseinander. Die jahrhundertealte Kultur hat ihn geprägt, seine Texte sind keine reißerische Berichterstattung, sondern ganz persönliche, poetische Geschichten aus Aleppo. Er lebt gleichzeitig in einer Welt der Erinnerungen, auch was private Beziehungen betrifft, als auch in der Gegenwart mit ihren Militärkontrollen und Bomben.

So vermischen sich die Welt der Bücher, Bilder und Musik mit der des Kriegsalltags. Die kurzen Texte wurden zumeist auf Facebook veröffentlicht, an eine Publikation in Syrien war nicht zu denken.

Die Spaziergänge nehmen den Leser mit in eine Stadt, die den Frieden nur mehr aus Erzählungen kennt und zeigt uns dennoch, dass auch in Zeiten des Krieges Kunst, Kultur und Träumen überlebensnotwendig sind! Gerade durch ihre Kürze sind die Texte sehr berührend und prägnant, wichtige Einblicke, die zum Nachdenken anregen!

 

Über den Autor:

Niroz Malek wurde 1946 in Aleppo geboren und hat bisher 8 Bände mit Erzählungen sowie 6 Romane veröffentlicht.

 

Details zum Buch:

2017

Weidle Verlag

ISBN 978-3-938803-83-7

 

Bettina Armandola

Wenn meine Haare lang wachsen

Wenn meine Haare lang wachsenHoko Takadono

Wenn meine Haare lang wachsen

 

Die kleine Hana trägt im Gegensatz zu ihren langhaarigen Freundinnen Mari und Emi einen Bubikopf. Doch dann beschliesst sie, dass sie ihre Haare wachsen lassen will- und zwar noch viel länger als ihre beiden Freundinnen.

Denn mit ganz langen Haaren kann man die tollsten Dinge anstellen: zum Beispiel Angeln mit seinem Zopf, die Haare als Decke verwenden oder die Wäsche auf zwei Zöpfen aufhängen!

Wenn man sich die Haare wäscht, entsteht ein Riesenschaumberg, den man im Fluss ausspülen kann, wo die Haare wie Seetang dahinfließen.

Und wenn Hana sich eine Dauerwelle machen lässt, werden die Haare zu einem Wald für die Tiere!

Dieser japanische Kinderbuchklassiker besticht durch seine süßen Bilder und die genialen Ideen der kleinen Hana. Es ist ein wirklicher Genuss, dieses Buch gemeinsam anzuschauen und sich noch viele weitere Möglichkeiten auszumalen, was man mit ganz langen Haaren noch so alles anstellen könnte 😉

 

Details zum Buch:

1.Auflage 2013

Edition Bracklo

ISBN 978-3-9815066-6-2

 

Bettina Armandola

Lasst sie fliegen

Lasst sie fliegenZiauddin Yousafzai

Lasst sie fliegen

Wie Malalas Vater seiner Tochter ein selbstbestimmtes Leben ermöglichte

 

Ziauddin Yousafzai ist ein Feminist. Er ist dazu geworden, obwohl er so aufgewachsen ist wie die meisten Pakistaner, nämlich in der Überzeugung, dass Jungen mehr wert sind als Mädchen. Und natürlich hinterfragt man als Kind nicht, warum man als Sohn von den Frauen der Familie bedient wird. Dennoch regt sich in Ziauddin schon bald das Gefühl, dass Ungerechtigkeit herrscht, denn er beobachtet, wie seine Schwestern erzogen werden und dass Mädchen nur bis zu einem bestimmten Alter in die Schule gehen dürfen und dann zuhause auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden.

Gerade diese Erkenntnis ist es, die den jungen Mann gemeinsam mit seiner Frau Tor Pekai, die aus einfachen Verhältnissen stammt, dazu veranlasst, in der von ihm gegründeten Schule besonderes Augenmerk auf die Förderung von Mädchen zu legen. Denn seine Tochter Malala öffnet ihm die Augen noch ein bisschen mehr. Sie ist die erste Frau in seiner Familie, die der stolze Vater im Stammbaum vermerken lässt- etwas absolut Unübliches, da sonst nur Söhne eingetragen und gefeiert werden! Ihre Begierde nach Wissen, ihre Liebe zu den Menschen und die Überzeugung, dass Mädchen das Recht auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben haben, teilt die junge Malala mit ihrem Vater, mit dem sie gemeinsam eine Kampagne für das Recht auf Bildung für Frauen führt.

Auch die Taliban schaffen es nicht, den Kampf der Yousafzais, die allein durch das Vorleben ihrer Werte viele Menschen von der Gleichberechtigung überzeugen konnten, zu stoppen. Nachdem auf Malala geschossen wurde und die Familie nach Birmingham ausreiste, lebte sie ihre Überzeugung weiter. Die wiedergenesene Malala erhielt den Friedensnobelpreis für ihr Engagement, das auch vor Gewalt nicht wich…

Dieses Buch ist ein wunderbares und beeindruckendes Bekenntnis zu Menschlichkeit und Gleichberechtigung und hat mich sehr beeindruckt! Die junge Aktivistin Malala kennt wohl jeder, ebenso faszinierend aber finde ich die Lebensgeschichte ihres Vaters Ziauddin, der es seiner Tochter ermöglichte, die Flügel auszubreiten und zu fliegen!

 

Über den Autor:

Ziauddin Yousafzai wurde in Pakistan geboren und setzt sich als UN- Berater für Internationale Bildung ein, sowie als Bildungsattaché des Pakistanischen Konsulats in Birmingham für Menschenrechte und Bildungsgleichheit. 2013 gründete er mit seiner Tochter die Malala-Stiftung für die Schulbildung von Mädchen.

 

Details zum Buch:

1.Auflage 2019

Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-26262-1

 

Bettina Armandola

 

Das Ende des amerikanischen Zeitalters

Das Ende des amerikanischen ZeitaltersThomas Jäger

Das Ende des amerikanischen Zeitalters

Deutschland und die neue Weltordnung

 

Spätestens seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und seiner radikalen „America first“- Politik dürfte der Welt klar geworden sein, dass ein Weiterbestand der Nachkriegsordnung mit dem Beschützer und Verbündeten Europas, der USA, am Ende ist.

Die großen Themen „Freihandel versus Protektionismus“, „Gemeinsame Sicherheit“, „Klimapolitik“ und „Einwanderungspolitik“, um nur einige zu nennen, sind Streitpunkte zwischen den USA und der EU, aber auch innerhalb der EU, was die europäischen Staaten sowohl immer handlungsunfähiger macht und schwächt als auch rechtspopulistischen Tendenzen Tür und Tor öffnet.

Deutschland muss nun eine neue Rolle finden, um sich gemeinsam mit dem Westen  beispielsweise den neuen Herausforderungen durch Russland und China zu stellen. Werden in Zukunft selbstbestimmte und demokratische Gesellschaften überhaupt noch nach ihren liberalen Werten leben können?

Für den Autor ist klar, dass sich eine neue Weltordnung, die auf der Bewahrung der „Freiheit der Eigenentwicklung“ basiert, nur in einem Bündnis aus USA und EU etablieren kann. Dieses Ziel zu erreichen muss oberste Priorität haben und bedarf in den nächsten Jahren großer Anstrengung und Arbeit der Politik und hier ganz besonders des einflussreichsten europäischen Staates, Deutschland!

„Das Ende des amerikanischen Zeitalters“ bringt die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre auf den Punkt und ist in meinen Augen eine wichtige Lektüre, um zu verstehen, wohin auch das Land, in dem wir leben, steuern könnte!

 

Über den Autor:

Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln und Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

 

Details zum Buch:

2019

Orell Füssli Verlag

ISBN 978-3-280-05694-3

 

Bettina Armandola

 

 

Geronimo

GeronimoLeon de Winter

Geronimo

 

Als das Versteck des damals „most wanted man“ der Welt, des Terroristen bin Laden, in Pakistan vom Seals Team 6 gestürmt wird, lautet das Codewort für die Operation „Geronimo“. Der Auftrag für die Profis verlangt „Kill or capture“, also inoffiziell die Tötung Osama bin Ladens. So kommt es im Mai 2011 zur berühmten Rede Barack Obamas, in der er den Tod des amerikanischen Staatsfeinds Nummer 1 bekanntgibt.

Doch, was, wenn all das gar nicht die Wahrheit ist? Wenn UBL (Usama bin Laden) nicht getötet worden wäre und er im Besitz einer Information ist, die Obama stürzen könnte? Wenn die Männer des Seals Teams sich dem Befehl widersetzt hätten, um bin Laden zur Rechenschaft zu ziehen und ihn nun gefangen halten?

Ex-CIA-Mitarbeiter Tom Johnson wird in die Geronimo- Affäre hineingezogen, obwohl sein Interesse in erster Linie darin besteht, Apana wiederzufinden. Das afghanische Mädchen mit der Liebe zu Bachs Goldberg- Variationen wurde bei einem Angriff auf seinen damaligen Stützpunkt entführt, nachdem ihr Vater starb und Tom sich für sie verantwortlich fühlte. Es ist auch die Geschichte des pakistanischen Jungen Jabbar und dessen Mutter, die es als Christen in einem muslimischen Land nicht leicht haben und sich um das Mädchen Apana kümmern, die von ihren Folterern mit dem Abschneiden von Ohren und Händen bestraft wurde.

Es ist ein spannender, berührender Roman, der mich mitten ins Herz getroffen hat. Die Gräuel des Krieges, aber auch was Menschen im schlechtesten und im besten Fall vollbringen können, von Folter und Mordlust bis zu selbstloser Liebe: das sind die allzeit aktuellen Themen in diesem faszinierenden Buch eines meiner Lieblingsautoren!

 

Über den Autor:

Leon de Winter wurde 1954 in ´s-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden geboren. Seit 1976 arbeitet er als freier Schriftsteller und Filmemacher.

 

Details zum Buch:

2016

Diogenes Verlag

ISBN 978 3 257 06971 6

 

Bettina Armandola

 

 

 

Traumspringer

TraumspringerAlex Rühle

Traumspringer

 

Leon ist oft abgelenkt und träumt in der Schule vor sich hin. So ist er sich auch nicht sicher, ob er die Fledermaus am Klassenfenster, die ihm so intensiv in die Augen geschaut hat, geträumt hat oder ob sie echt war.

Doch schon bald findet Leon heraus, dass er eine außergewöhnliche Begabung hat: er ist ein Traumspringer und kann in die Träume seiner Familie und Freunde schlüpfen. So bittet ihn Morpheus, der gemeinsam mit seinen Geschwistern seit tausenden Jahren die Menschenträume archiviert, um Hilfe! Die Traumregale werden in letzter Zeit geplündert und Morpheus´kleiner Bruder Krato scheint damit Böses im Sinn zu haben: was hat ein neu erschienenes, geradezu süchtig machendes Handyspiel damit zu tun?

So macht sich Leon auf die Suche nach den verlorenen Träumen und gerät bald in Gefahr, denn die Traumjäger sind ihm auf der Spur!

Eine spannende Jugendgeschichte um den Traumjäger Leon und seine Abenteuer! Gruselig und fantasievoll, aber auch warmherzig: das zeichnet diesen Roman aus, der alle jungen Fantasyfreunde begeistern wird und sich auch als Erwachsener sehr angenehm lesen liess!

 

Über den Autor:

Alex Rühle wurde 1969 geboren und studierte Komparatistik, Französisch, Theologie und Philosophie. Der Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung arbeitete bereits als Kellner, Klinikclown und Grundschulenbauer in Malawi.

 

Details zum Buch:

Originalausgabe 2019

dtv

ISBN 978-3-423-76246-5

 

Bettina Armandola

 

Denk ich an Österreich

Denk ich an ÖsterreichFritz Muliar

Denk ich an Österreich

 

10 Jahre ist es bereits wieder her, dass Fritz Muliar im 90. Lebensjahr verstarb. Seine Autobiografie, die Helmuth A. Niederle aufzeichnete, begleitete ihn auch während seiner letzten Monate und legt Zeugnis ab von einer kritischen, kämpferischen Persönlichkeit, deren große Liebe Österreich war.

Muliar, der zu Kriegszeiten im Gefängnis und dem seit damals die Angst ein ständiger Begleiter war, wünschte sich ein freies, demokratisches Österreich, das anderen Kulturen offen gegenübersteht. Schon vor 10 Jahren erkannte er die braune Bedrohung, den Rechtsruck in Europa und auch in Österreich. So zieht er Bilanz mit der Politik, dem gefährlichen Demagogen Jörg Haider, aber auch mit der Sozialdemokratie. Auch als SPÖ- Mitglied war er sein eigenen Partei gegenüber durchaus kritisch und prangert an, dass die Großparteien keine erkennbaren Programme mehr haben, sondern sich den Wählerstimmen zuliebe alle auf einem verwaschenen Mittelweg befänden.

Neben seinen kritischen Beobachtungen zur Lage Österreichs erzählt Muliar aber auch von Freundschaften mit Schauspielern und Schriftstellern, von seiner Kindheit und schmerzlichen Verlusten, von der Freimaurerei und der gespaltenen Beziehung zur katholischen Kirche.

Dieses Buch liest sich sehr angenehm, wenngleich es unangenehme- und leider auch heute mehr als aktuelle- Themen anspricht. Man lernt einen Menschen kennen, der sich seiner Stärken und Schwächen bis zuletzt bewusst war und immer weiter versucht hat, ein besserer Mensch zu werden. Man trifft den Kabarettisten, den Burgschauspieler, den Josefstadtliebling und den Menschen Muliar und begleitet ihn gerne- auch wenn man nicht alle seine Einstellungen teilt- auf seinem bewegten, langen Lebensweg!

 

Über den Autor:

Helmuth A. Niederle wurde 1949 in Wien geboren. Er arbeitet als Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber.

 

Details zum Buch:

2009

Residenz Verlag

ISBN 978-3-7017-3142-8

 

Bettina Armandola