Frostkuss – Mythos Academy 1
Jennifer Estep
Sie sind die Nachkommen sagenhafter Kämpfer wie Spartaner, Amazonen oder Walküren und verfügen über magische Kräfte. Auf der Mythos Academy lernen sie, ihre Fähigkeiten richtig einzusetzen. Gwen Frost besitzt ein einzigartiges Talent: die »Gypsy-Gabe«. Eine einzige Berührung reicht aus, um alles über einen Gegenstand oder einen Menschen zu wissen. Doch dabei spürt Gwen nicht nur die guten Gefühle, sondern auch die schlechten und die gefährlichen. Auf der Mythos Academy soll sie lernen, mit ihrer Gabe sinnvoll umzugehen. Aber die mythische Welt steht vor einer tödlichen Bedrohung, und Gwen befindet sich plötzlich im Zentrum eines großen Krieges.
160.000 verkaufte Exemplare sprechen für sich. Dies ist der herrliche Auftakt der Mythos Academy Serie von Jennifer Estep – einer großartigen Autorin, die Gefühl und Spannung optimal vereinen kann. Diese Serie ist für Jugendliche bis hin zu Erwachsenen für alle gleich toll zu lesen und einzutauchen. Eine Welt bestehend aus normalen Teenagern und ihren Lehrern, die alle bekannte Vorfahren haben und Spartaner, Gypsies oder Walküren sind, haben jede Menge lebensgefährlicher Abenteuer zu erleben und finden beste Freunde, Familie und Liebe. Dies ist definitiv ein Buch, welches man gerne immer wieder liest und genießt. Sehr gelungen. Am Liebsten würde ich die ganze Reihe gleich noch einmal in einem durch lesen!
Hier eine kleine Leseprobe von der Verlagsseite für euch:
Kapitel 1
»Ich kenne dein Geheimnis.«
Daphne Cruz schob ihr Gesicht näher an den Spiegel über dem Waschbecken und trug eine weitere Schicht hellen Lipgloss auf. Sie ignorierte mich demonstrativ, wie es alle hübschen, beliebten Mädchen taten.
Wie es jeder auf der Mythos Academy tat.
»Ich kenne dein Geheimnis«, wiederholte ich lauter.
Ich stieß mich von der Statue einer Meeresnymphe ab, an der ich gelehnt hatte, schlenderte zur Tür der Mädchentoilette und verschloss sie. Mir mochte es ja egal sein, ob jeder von Daphnes kleinem Geheimnis erfuhr, aber ich hätte darauf gewettet, dass sie am Ende unserer Unterhaltung daran interessiert sein würde, genau das zu verhindern.
Sobald Daphne mit dem Glanz ihrer Lippen zufrieden war, ließ sie den Lippenstift in ihrer übergroßen, rosafarbenen Tasche von Dooney & Bourke verschwinden. Als Nächstes zog sie eine Bürste hervor und machte sich daran, ihre glatten, goldenen Strähnen zu kämmen. Sie ignorierte mich immer noch.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte mich gegen die Tür und wartete. Die erhabenen Figuren von Kriegern und Monstern, die in die schwere Holztür geschnitzt waren, drückten sich in meinen Rücken, aber ich ignorierte die seltsamen Formen und Knubbel. Die zweihundert Dollar, die ich für diesen Job bekam, bedeuteten, dass ich es mir leisten konnte, geduldig zu sein.
Nach weiteren zwei Minuten, als sie ihre Haare ein Dutzend Mal gekämmt hatte und erkannte, dass ich immer noch nicht, na ja, verschwand, ließ sich Daphne schließlich dazu herab, sich umzudrehen und mich anzusehen. Ihre schwarzen Augen huschten über meine Jeans, das T-Shirt mit dem Comicaufdruck und meine purpurne Kapuzenjacke. Dann gab sie ein leises, angewidertes Schnauben von sich. Offensichtlich beleidigte es ihren Modegeschmack, dass ich nicht wie sie die neuesten Designerfummel trug. Dass ich es nicht draufhatte, mich in die Clique der gleich aussehenden Mädchen einzureihen, wie sie und ihre Freundinnen es taten.
Das Motiv des Tages war offensichtlich »Schottenmuster«, denn alles, was Daphne trug, war kariert: vom rosafarbenen Kaschmirschal über ihren schwarzen Faltenrock bis hin zu der schwarz-rosa karierten Strumpfhose, die ihre schlanken Beine hervorhob. Der Kontrast der hellen und dunklen Farben ließ sie noch perfekter wirken und betonte das sanfte Strahlen ihrer bernsteinfarbenen Haut. Genauso wie der Lipgloss.
»Du kennst mein Geheimnis ?«, wiederholte Daphne höhnisch. »Und was für ein Geheimnis sollte das sein ?«
Dann wollte die Walküre also pampig werden. Kein Problem.
Ich lächelte. »Ich weiß, dass du das Armband mit den Anhängern gestohlen hast. Das Bettelarmband, das Carson Callahan Leta Gaston schenken wollte, um sie zu fragen, ob sie mit ihm auf den Homecoming-Ball geht. Du hast es gestern in seinem Zimmer vom Schreibtisch geklaut, als er dir bei deinem Aufsatz für Englische Literatur geholfen hat. «
Zum ersten Mal flackerten Zweifel in Daphnes Augen auf, und ihr hübsches Gesicht verzog sich ungläubig, bevor sie es schaffte, ihre Gefühle zu verbergen. Jetzt sah sie mich an – sah mich wirklich an – und versuchte herauszufinden, wer ich war und was ich wollte. Nach einem Moment kniff sie die Augen zusammen.
»Du bist dieses Gypsymädchen«, murmelte Daphne. »Das, das Dinge sieht.«
Dieses Gypsymädchen. So wurde ich von fast allen auf der Mythos Academy genannt. Hauptsächlich, weil ich die einzige Gypsy auf dieser Schule für magische Krieger-Freaks war. Das Mädchen aus der Mittelschicht, dessen seltsame Gabe es hier zwischen die Reichen, Beliebten und unzweifelhaft Mächtigen geführt hatte. Wie Daphne Cruz, eine verwöhnte, verzogene Möchtegernprinzessin, die zufällig auch eine Walküre war.
»Wie heißt du ?«, fragte Daphne. »Gail ? Gretchen ?«
Wow. Ich war beeindruckt, dass sie überhaupt wusste, dass mein Name mit einem G anfing.
»Gwen«, antwortete ich. »Gwen Frost.«
»Also, Gwen Frost«, sagte Daphne und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Handtasche. »Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wovon du redest.«
Ihre Stimme und Miene waren beide genauso glatt wie der goldumrahmte Spiegel vor ihr. Ich hätte ihr sogar geglaubt, hätten ihre Hände nicht ein winziges bisschen gezittert, als sie ihre Bürste zurück in die Tasche steckte. Und hätte ich nicht gewusst, wie phantastisch brave Mädchen wie sie lügen konnten.
Wie gut fast jeder lügen konnte.
Ich griff in meine graue Umhängetasche und zog einen durchsichtigen Plastikbeutel hervor. Darin glitzerte ein winziger silberner Anhänger in Form einer Rose. Daran gemessen, wie Daphne davor zurückschreckte, hätte es genauso gut eine Tüte voller Hasch sein können.
»Woher … woher hast du das ?«, flüsterte sie.
»Carson hatte noch nicht alle Anhänger an Letas Armband befestigt, als er es dir während der Nachhilfestunde gestern Nachmittag gezeigt hat«, erklärte ich. »Den hier habe ich ganz hinten hinter seinem Schreibtisch gefunden. Er ist runtergefallen, als du dir das Armband geschnappt hast, um es in deine Tasche zu stopfen.«
Daphne lachte auf und blieb damit bei ihrer Scharade. »Aber warum sollte ich so etwas tun ?«
»Weil du verrückt bist nach Carson. Du willst nicht, dass er mit Leta ausgeht. Du willst ihn für dich haben.«
Daphne sackte in sich zusammen und ließ die Hände auf eines der Waschbecken sinken, die sich in einer Reihe unter dem Spiegel entlangzogen. Ihre Finger umfassten kurz einen der silbernen Wasserhähne, die geformt waren wie Hydraköpfe, bevor sie ins Becken rutschten. Ihre langen, gepflegten Fingernägel glitten über den Marmor, während fahle, rosafarbene Funken aus ihren Fingerspitzen schossen. Daphne mochte ja ebenso wie ich erst siebzehn sein, aber Walküren waren unglaublich stark. Ich wusste, dass Daphne Cruz, sollte ihr der Sinn danach stehen, dieses Waschbecken leichter aus der Wand reißen konnte als der Hulk.
Vielleicht hätte ich mich vor der Walküre fürchten sollen. Vor den seltsamen Funken in prinzessinenhaftem Rosa und besonders vor ihrer Stärke und dem, was sie mir damit antun konnte. Aber ich hatte keine Angst. Ich hatte bereits eine der Personen verloren, die mir im Leben am meisten bedeutet hatten. Im Vergleich dazu verblasste alles andere.
»Woher weißt du das alles ?«, fragte Daphne. Sie sprach so leise, dass es fast ein Flüstern war.
Ich zuckte mit den Achseln. »Wie du sagtest, ich sehe Dinge. Und sobald ich diesen Anhänger gefunden hatte, wusste ich, dass du diejenige warst, die das Armband gestohlen hat. «
Ich erzählte Daphne sonst nichts über meine Gypsygabe, über meine Fähigkeit, die Geschichte eines Objektes zu erfahren, indem ich es einfach nur berührte, und sie fragte nicht weiter nach.
Stattdessen starrte die Walküre mich weiterhin aus ihren schwarzen Augen an. Nach ungefähr dreißig Sekunden Schweigen hatte sie offensichtlich eine Entscheidung getroffen. Daphne nahm die Schultern zurück, griff ein weiteres Mal in ihre Tasche und zog ihre Geldbörse hervor. Sie passte perfekt zu ihrer Handtasche.
»In Ordnung«, sagte sie. »Wie viel willst du dafür, dass du mir diesen Anhänger gibst und die ganze Geschichte vergisst ? Hundert Dollar ? Zwei ? «
Dieses Mal waren es meine Hände, die sich zu Fäusten ballten. Sie versuchte, mich zu bestechen. Ich hatte nichts anderes erwartet, aber trotzdem machte es mich wütend. Wie jeder andere auf der Mythos Academy konnte Daphne Cruz sich das Beste von allem leisten. Ein paar hundert Dollar bedeuteten ihr gar nichts. Sie hatte eine solche Summe für ihre verdammte Handtasche ausgegeben.
Aber für mich waren ein paar hundert Dollar deutlich mehr als nichts. Für mich bedeuteten sie Kleidung und Comics und ein Handy und ein Dutzend anderer Dinge, um die sich Daphne nie in ihrem Leben hatte sorgen müssen.
»Carson hat mich bereits bezahlt«, sagte ich.
»Und ?«, sagte sie. »Ich zahle dir mehr. So viel du willst. «
»Tut mir leid. Sobald ich jemandem mein Wort gegeben habe, halte ich es auch. Und ich habe Carson versprochen, dass ich das Bettelarmband für ihn finde.«
Daphne legte den Kopf schief, als wäre ich ein seltsames Wesen, das sie noch nie zuvor gesehen hatte – ein mythologisches Monster, das sich lediglich als Teenager tarnte. Vielleicht war es dumm von mir, das angebotene Geld nicht zu nehmen. Aber meine Mom hätte Daphnes Geld nicht genommen, nicht wenn sie schon jemand anderem ein Versprechen gegeben hätte. Meine Mom, Grace, war eine Gypsy gewesen, genau wie ich. Mit einer Gabe, genauso wie ich sie hatte.
Für einen Moment krampfte sich mein Herz in einem Anfall von Schuldgefühlen und Sehnsucht zusammen. Meine Mom war tot, und ich vermisste sie so sehr. Ich schüttelte den Kopf in dem Versuch, den Schmerz zu vertreiben.
»Hey, gib mir einfach das Armband. Mehr will ich nicht. Mehr will auch Carson nicht.«
Daphne presste die Lippen zusammen. »Er … er weiß es ? Dass ich das Armband gestohlen habe ? Und warum ?«
»Noch nicht. Aber er wird es erfahren, wenn du es mir nicht gibst. Und zwar jetzt.«
Ich öffnete die Plastiktüte und hielt sie ihr entgegen. Daphne starrte den Rosenanhänger an, der darin glitzerte. Dann biss sie sich auf die Lippe, sodass Lipgloss auf ihre Zähne geriet, und wandte den Blick ab.
»Schön«, murmelte sie. »Ich weiß sowieso nicht wirklich, warum ich es überhaupt genommen habe.«
Ich wusste es, weil Daphne vor meinem inneren Auge aufgeblitzt war, als ich den Anhänger berührt hatte. Kaum dass meine Finger über die silberne Rose geglitten waren, war das Bild der blonden Walküre in mir aufgestiegen. Ich hatte gesehen, wie Daphne an Carsons Schreibtisch saß und das Armband anstarrte, während sich ihre Finger um die Metallglieder schlossen, als wollte sie sie zerreißen.
Ich hatte auch die Gefühle des anderen Mädchens gespürt, so wie es immer geschah, wenn ich einen Gegenstand oder sogar eine andere Person berührte. Ich hatte Daphnes heiße, kochende Eifersucht gefühlt bei dem Gedanken, dass Carson auch nur darüber nachdachte, Leta um ein Date zu bitten. Und das warme, weiche, übersprudelnde Gefühl von Daphnes Schwärmerei für Carson, obwohl er ein Musikfreak war, während sie zur Gruppe der Beliebten gehörte. Ihre kalte, schmerzhafte Verzweiflung darüber, dass sie in jemanden verliebt war, den der Rest ihrer hochnäsigen Freunde nicht gutheißen würde.
Aber das erzählte ich Daphne nicht. Je weniger die Leute über meine Gabe wussten und über die Dinge, die ich sah und fühlte, desto besser.
Daphne riss das Armband aus ihrer Tasche. Carson Callahan mochte ja ein Musikfreak sein, aber er hatte auch Geld, also war das Bettelarmband ein schweres, teures Stück mit Dutzenden Anhängern daran, die bei jeder Bewegung klirrten. Daphnes Nägel kratzten über einen der Anhänger, ein kleines Herz, und wieder stiegen pinkfarbene Funken in die Luft wie Glühwürmchen.
Ich streckte erneut die Plastiktüte aus, und Daphne ließ das Armband hineinfallen. Ich schloss den Beutel und verknotete ihn, wobei ich sorgfältig darauf achtete, das Schmuckstück nicht zu berühren. Ich wollte keine weiteren Einblicke in die Psyche von Daphne Cruz. Schon beim ersten Mal hatte ich fast Mitleid mit ihr empfunden.
Aber jedes Mitgefühl, das ich vielleicht für Daphne gehegt hatte, verschwand, als die Walküre mich mit einem kalten, hochnäsigen Blick bedachte, den mir vor ihr schon so viele andere bösartige Tussen geschenkt hatten.
»Wenn du irgendwem davon erzählst, Gwen Frost, werde ich dich mit deinem scheußlichen purpurnen Kapuzenshirt erwürgen. Verstanden ?«
»Sicher«, erklärte ich freundlich. »Aber du solltest dich vor der nächsten Stunde vielleicht noch etwas frisch machen. Dein Lipgloss ist verschmiert.«
Die Walküre verengte die Augen zu Schlitzen, aber ich ignorierte ihre giftigen Blicke, entriegelte die Toilettentür und ging.
Details zum Buch:
Piper Verlag
Barbara Ghaffari